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Brief an die Bundeskanzlerin

Nia soll eine Stimme bekommen und ich wollte meinen Ärger an die Stelle bringen, wo er hingehört. Wer schimpft, der muss auch etwas tun. Ich konnte mit und nach diesem Brief wesentlich optimistischer mit der Corona-Zeit umgehen. Jetzt habe ich mich entschieden ihn auch in Teilen zu veröffentlichen. Vielleicht findet sich ja Jemand in meinen Zeilen wieder. Diesen Brief habe ich handschriftlich und per Briefpost abgeschickt (nicht digital). Ich hatte den Brief am 5. April 2020 geschrieben.

Für Nia – das weltbeste Kind! Für dich werde ich immer kämpfen!


Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

ich möchte ihnen heute einen Brief schreiben, um meiner vierjährigen Tochter eine Stimme zu geben. Wie alle Eltern möchte ich das Beste für sie. Sie, sie liebt die Welt und das Leben. Und genau das soll sie haben.

Durch die Corona-Krise bleibt ihr nicht mehr viel. Alles verboten. Sie versteht das nicht, sie ist traurig. Sie kann nicht auf 2m Abstand mit Kindern spielen, sie kann nicht gut über Video spielen, sie kann mit Kindern nicht mehr interagieren. Spielen ist für Kinder existenziell, sie lernen und leben dadurch.

Ein Kind kann ich als Mutter nicht ersetzen. Nie. Sie ist Einzelkind.

[…] Ich arbeite seit 2005, war bisher nie arbeitslos. Mit Geburt von Nia im März 2016, habe ich damit nicht aufgehört. Obwohl es nicht mehr Geld einbringt und oft schwer ist.

Der einfache Grund: ich möchte ein arbeitendes Vorbild sein. Es geht mir nicht ums Geld.

Arbeiten zu gehen ist weit mehr als nur Geld verdienen.

Ich tue gern etwas für mein Geld. Ich bin gern Vorbild. Es ist aber ein ständiger Kampf. Nicht mit mir oder meiner Tochter, mit dem System. Alleinerziehende kommen scheinbar zu selten vor. […]

Und wenn meine Tochter krank ist, erhalte ich nach vielen formalen Schritten Ersatzleistung für meinen Lohn. Das kann auch mal mit zwei Monaten Zeitverzug sein. […] Würde ich Leistungen vom Amt beziehen hätte ich dieses Problem im doppelten Sinne nicht. Kein Problem mit dem Chef, weil ich wegen des kranken Kindes ausfalle, kein finanzielles Problem. Da stellt sich mir immer wieder die Frage was mache ich falsch? Verdiene ich zu wenig, arbeite ich zu wenig? Ich bin neben einer 2/3 Anstellung noch selbstständig tätig. Ich arbeite viel, abends wenn meine Tochter schläft, eigentlich immer.

Mein Erholungsurlaub (24 Tage) reicht leider nicht mal für die Kita Schließtage (31).

Ich habe nicht die doppelten Tage Urlaub, so wie das bei zwei Eltern der Fall ist.

Termine die zwingend ohne Kind sein müssen, dafür muss ich mir auch Urlaub nehmen. Auch hier wieder meine Frage, was mache ich falsch? Und wissen Sie was daran so traurig ist. Es geht nicht um mich, es geht um Nia. Nia malt Bilder schon oft ohne mich, mit den Worten Mama ist arbeiten. Das mit dem Vorbild hat also geklappt, das mit der Zeit nicht. Der Spagat ist kaum zu schaffen. […] Sie hat es verdient, dass ihre Familie unterstützt wird. Sie hat Großes vor und wird die Welt besser machen.

Und nun, nun ist Corona. Geschäfte bekommen 9000€ Soforthilfe. Eine alleinerziehende kein Gesetz was sie von der Arbeitspflicht entbindet, weil der Kindergarten schließen musste.

Wie soll ich jetzt eine Kindergärtnerin sein, eine Angestellte und eine Selbstständige?

Homeoffice. Ich soll nun drei Berufe gleichzeitig ausüben. Ich sage es noch mal, darunter leiden wird Nia. Ich habe das erste Wochenende nach Schließung der Kita und der Arbeit im Homeoffice gearbeitet. Das ganze Wochenende. Nia habe ich noch versorgt, Zeit hatte ich nicht. Die Arbeit musste schließlich fertig werden. Am Montag dann Erleichterung, denn es gibt zum Glück Kurzarbeit. Weniger Geld, aber viel mehr Leben. Es bedeutet natürlich Änderungsanträge, wegen der Leistungen. Wieder alles belegen.

[…] Wieder frage ich mich, wieso arbeite ich überhaupt. Würde ich von Sozialleistungen leben hätte ich diese Probleme nicht. Jetzt denke ich mehr denn je, was habe ich falsch gemacht? Ich bin nicht als Mutter überfordert, ich habe ein wunderbares Mädchen. Ich bin mit dem Rest nicht einverstanden. Es raubt uns wertvolle Energie. Die ich in meine Nia stecken möchte und muss. Damit aus ihr ein guter Mensch wird. 

Wir wollen im Moment Leben retten. Sie haben gesagt es kommt jetzt auf jeden einzelnen an. Das tut es. Das ist immer so.

Der Wert eines jeden einzelnen bemisst sich nicht an seiner Systemrelevanz!

System relevant ist jeder.

Ohne Menschen brauchen wir keine Leben zu retten. Wir brauchen auch kein System. Liebe Frau Dr. Merkel, ich weiß Nia ist nur ein Leben, aber bitte retten Sie auch dieses. Für mich ist es das wichtigste Leben.

Sie braucht Kinder, sie braucht Spielplätze, sie braucht einen Zoo, sie braucht die O-Mama.

Sie braucht Menschen. Sie braucht ein System was an Kinder denkt!

Ich verstehe die Maßnahmen. Sie nicht!

Ich versuche mein Bestes, das auch sie den Abstand einhält. Aber es ist unheimlich anstrengend. Ich schultere das nun ganz allein. Ich darf nie ausfallen, jetzt gerade aber noch viel weniger. Deshalb, sie sagen es kommt jetzt auf jeden an.

Wieso dann nicht auf den im Gesundheitsamt, der Kontakte nach verfolgen muss? Ich kenne eine Familie, beide Eltern wurden positiv getestet. Das Kind hat man nicht getestet. Quarantäne für die ganze Familie. Kontakte der Eltern wurden nach verfolgt, die des Kindes nicht. Es ging noch in den Kindergarten. Die Symptome der Eltern traten am Wochenende auf. In der darauffolgenden Woche wurde getestet. In selber Woche die Kindergärten geschlossen. Ob das Kind Virusträger war, wurde nicht verfolgt. Der Kindergarten wurde nicht informiert. Wieso kommt es auf diese Einzelnen nicht an? Wieso wird ungenau gearbeitet? Und nach zwei Wochen sagt man der Familie ihr seid gesund und immun. Ein weiterer Test wird nicht mehr gemacht. Man nimmt das an. Ob sich das Kind angesteckt hat oder nicht weiß man nicht.

Wir haben einen einfachen Test zur Antikörper-Bestimmung gemacht. Mutter hatte keine, Vater und Tochter hatten welche. Das müsste natürlich ordentlich nachgeprüft werden. Aber nehmen wir an es stimmt, ist die Mutter nicht immun. Wieder mein Gedanke, es kommt auf jeden einzelnen an. Das stimmt, aber bitte lassen Sie nicht jeden einzelnen allein.

Es ist wichtig Leben zu retten, aber noch wichtiger ist es ein lebenswertes Leben zu haben.

Das Gegenteil muss nicht gerettet werden.

Vielleicht können sie darüber nachdenken. Und in Zukunft beherzigen, dass wir alle wichtig sind und jedes Leben, lebenswert sein muss, um es zu retten! 

Es sei gesagt, dass ich mich an alle Maßnahmen halte und auch mit Fassungslosigkeit die Zahlen verfolge. Dennoch 9000€ für meinen Chef und nicht mal eine Befreiung der Arbeitspflicht für mich passt nicht zusammen. Geld ist nicht alles im Leben.

Kinder sind unsere Zukunft, die müssen wir stützen und jetzt gerade mehr denn je betreuen und begleiten. Auch wir alle.

Ich würde mich sehr freuen, wenn sie mir antworten können. Für mich, für Nia, für Hoffnung. 

Herzlichen Dank für ihre Zeit und ihren Einsatz.

2 Antworten auf „Brief an die Bundeskanzlerin“

Als Antwort kamen leider nur Floskeln von der Hilfskraft – aber immerhin eine Antwort.

Auf deiner HP hat sich ein Fehler eingeschlichen. Bei den Menüpunktn Blog und Podcast landt man bei “Seite wurde nicht gefunden”

Viele Grüße Karl-Heinz

Hallo Karl-Heinz, lieben Dank für deinen Hinweis. Es geht nun (bei mir) wieder – da “fummelt” sich irgendein Plugin dazwischen.

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